„Der israelische Schriftsteller Amos Oz, der sich aufgrund seiner Kindheit in Jerusalem gelegentlich selbstironisch als »Experte für vergleichende Fanatismusforschung« bezeichnet, hat über die politisch nicht lösbare Frage »Wie man Fanatiker kuriert« vor einigen Jahren eine Rede zum Jahresempfang der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten. Es geht darin nicht um den offensichtlichen Fanatismus von Fundamentalisten und extremistischen Eiferern. Es geht um den leisen Fanatismus im Alltag unseres Zusammenlebens: um aggressive Nichtraucher, verbissene Vegetarier, radikale Umweltschützer und militante Pazifisten, kurz: um die Selbstgerechtigkeit und die Kompromisslosigkeit, die persönliche Überzeugungen gelegentlich begleiten. »Das Wesen des Fanatismus liegt in dem Bedürfnis, andere Menschen dazu zu zwingen, sich zu ändern - in der sehr weit verbreiteten Neigung, den Nachbarn zu bessern oder den Ehegatten von seinen Eigenarten zu kurieren, das Kind auf ein höheres Niveau zu bringen und den Bruder gründlich über sich aufzuklären, anstatt ihn einfach zu lassen, wie er ist. Der Fanatiker ist kein Egoist - niemand denkt so altruistisch wie der Fanatiker. Oft ist der Fanatiker in stärkerem Maße an Ihnen interessiert als an sich selbst. Er will Ihre Seele retten, er will Sie entsühnen, er will Sie von der Sünde befreien, von Ihren Irrtümern, vom Nikotin, von Ihrem Glauben oder Unglauben, er will Ihre Ernährungsgewohnheiten verbessern oder Sie heilen von dem Schlimmen, das Sie trinken oder wählen.« Der Alltagsfanatiker, den Amos Oz mit diesen Worten beschreibt, kann das Anderssein des anderen nicht ertragen: Er wünscht sich Konformität und Uniformität für eine Welt, in der alte Gewissheiten ihre Gültigkeit verloren haben und eine unübersichtliche Vielfalt an die Stelle einer überschaubaren Ordnung getreten ist. Der Fanatiker besteht auf klaren Grenzen, die die Welt einteilen in »richtig« und »falsch«: Er will auf der richtigen Seite stehen und dafür sorgen, dass dort auch alle anderen stehen. Wie kuriert man - fragt Amos Oz - die Fanatiker des Alltags?“
— Schröder K., Danke, emanzipiert sind wir selber!, S. 68f.
11:07 PM
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